Trainingslager 2018: Gran Canaria – Ein Erlebnisbericht


JONAS ARLT

Gran Canaria – Ins Meer abfallende Steilküsten säumen die nahezu kreisrunde Insel entlang der etwa 236 km langen Küstenlinie. Im Inselinneren treffen zerklüftete Trockentäler mit Wüstenvegetation - die 'Barrancos' - auf Gebirgshochebenen mit Kiefernwäldern. Übertrohnt wird das Szenario majestätisch vom erloschenen Vulkan Pico de las Nieves, der bis auf 1949m reicht und eine atemberaubende Übersicht über diese so vielfältige Insel bietet. Insgesamt 14 Mikroklimazonen lassen sich hier unterscheiden und alle kann man mit dem Rennrad er'fahren'. Die einzigartigen Anstiege durch die reizvolle Landschaft bei angenehmen Temperaturen locken jedes Jahr eine Vielzahl an Radsportbegeisterten aus dem europäischen Winterschlaf, um wieder Sonne zu spüren und in 'kurz-kurz' der eigenen Form den Feinschliff zu geben.

 

So entschied auch ich mich der Eiseskälte zu entfliehen und bei sonnigen Temperaturen 'Kilometer zu machen' – mit dabei drei VereinskollegInnen vom RSC Göttingen. Frei nach 'Do-it-Yourself' war alles eigens geplant: Flüge, Radtransport, Appartement, Routen und natürlich ein wohldurchdachter, oft diskutierter Trainingsplan. Neun Tage hatte ich Zeit mich auszutoben und meine Grenzen auszuloten. Die Highlights – natürlich eine ganz subjektive Auswahl – möchte ich euch nicht vorenthalten.

 

Tag 4 – Pico de las Nieves – 90,52km, 2 524hm, 4h29min

Maspalomas – Ayacata – Cruz Grande – Roque Nublo – Pico de las Nieves & zurück

Auf direktem Weg zum höchsten Punkt der Insel

Eine Tour der Gegensätze, die in Erinnerung bleiben wird. Vom Meeresniveau zum höchsten Punkt der Insel – dafür braucht man(n), genauer gesagt ich, gute 3h. Ein Anstieg von etwa 45km Länge mit nur wenigen Kletterunterbrechungen. Der Weg führt verschlungen durch Bergdörfer und ist zunächst gesäumt von Kaktusfeigen, dann Mandelbäumen und schließlich von kanarischen Kiefern. Am Ende ist man auf fast 2000m Höhe angelangt und kann eine atemberaubende Aussicht über die gesamte Insel genießen – sofern es die Wolken zulassen. Es sollte nicht das letzte mal sein, dass mich mein Weg in diesem Trainingslager hierhin führen sollte.

Kaum zu erwähnen: Zurück braucht man nur ein Drittel der Zeit. Noch ein Gegensatz: Zu Fuße des Berges Sonne und 20°C, in Gipfelnähe 3°C und Nebel. Hallo Deutschland! Retter des Tages: Der nette Mann, der oben heiße Schokolade verkauft und die Sonne, die durch die Abfahrt eingefrorene Gliedmaßen wieder aufgetaut hat.

Tag 6 – Über den Tauropass – 71km, 1 617hm, 4h02min

Maspalomas – Playa de Mogán – Mogán – Soria – Maspalomas

Der schönste Pass der Insel

Mit der aufgehende Sonne im Rücken ging es entlang der Küste nach Puerto Rico. Hier mussten wir das Gefährt wechseln, da ein Straßenabrutsch die direkte Weiterfahrt verhinderte. Zu Wasser auf der Fähre konnten wir uns die Gischt um die Nase wehen lassen, ein unerwartetes Kontrastprogramm. In Playa de Mogán wieder angelandet begann die Überquerung des 'Montaña de Tauro'. Von Mogán aus führt die Passstraße durch eine Vielzahl an langgezogenen Serpentinen - zu Fuße des Berges noch gesäumt von Kiefern. Mit jeder Serpentine, die man höher klettert, erhält man einen immer gewaltigeren Blick ins zurückliegende Tal. Für mich der schönste Pass, den ich bislang je gefahren bin. Die anschließende steile Abfahrt nach Barranquillo Andres ist mit Vorsicht zu genießen. Tiefe Schlaglöcher und lose Steine erfordern viel Gefühl mit der Bremse – ein willkommenes Techniktraining!

Ein muss bei dieser Tour: Ein Abstecher nach Soria um im 'Restaurante Casa Fernando' einen frisch gepressten Papayasaft zu trinken.

Tag 8 – Kingstage – 163,58km, 4 690hm, 8h30min

Maspalomas – Soria – Tauropass – Tal der Tränen – Cruz de Tejeda – Pico – Cruz Grande – Ayacata – Maspalomas

Eine epische Tour vom Morgengrauen bis zur Abenddämmerung

 

Die Grenzen austesten - 'All Out' – so das Motto dieser Tour. Die Strecke ist so hart wie sich der Untertitel liest. Sie kommt mit drei größeren Erhebungen daher – jede für sich genommen einer eigenen Tour würdig. Als erstes gilt es erneut den Tauropass zu bezwingen und nach einer Gegensteigung wieder auf Meeresniveau in La Aldea de San Nicolás anzugelangen. Hier beginnt dann der zweite Anstieg und die wahre Härteprüfung der Tour – es geht durch das Tal der Tränen. Meistert man diese Prüfung, so führt einen der weitere Weg ins idyllische Bergdorf Tejeda. Hier heißt es Kräfte sammeln für den dritten und letzten Kraftakt, den Aufstieg zum Pico de las Nieves über das Cruz de Tejeda. Aber lest selbst wie es mir im Einzelnen dabei erging ...

Soria & Tauropass

Zum Auftakt lud der Tauropass – diesmal aber aus umgekehrter Richtung. Der obligatorische Zwischenstopp zum Papaya-Saft in Soria versteht sich von selbst. Die Morgensonne im Gesicht, den Blick entlang des Tals in die Ferne gerichtet – hier könnte man Stunden verbringen! Allein, es fehlte die Zeit, viel Wegstrecke lag noch vor mir. In ein paar knackigen Serpentinen ging es die letzten Höhenmeter von Barranquillo Andres hinauf zur Passstraße und wieder lagen sie vor mir, die malerischen Serpentinen des Tauropasses. Dieses mal durfte ich sie in der Abfahrt genießen. Die Fahrt wurde jäh gebremst, durch die nach Westen führende Gegensteigung über die Degollada de la Aldea, ehe es weiter rasant hinab zurück auf Meeresniveau nach San Nicolás ging. 70 Kilometer und etwa 2000hm waren nun geschafft – doch dieser Streckenteil sollte sich als der leichteste Abschnitt der Tour herausstellen ...

 

La Aldea de San Nicolas & Das Tal der Tränen

Vor der Qual das (letzte?) Mahl – ich entschied mich für eine kleine Bäckerei nahe des Marktplatzes und bestellte in gebrochenem spanisch 'Un Bocadillo con jamon y queso', die Flasche Wasser stellte ich kommentarlos mit auf den Tisch. Eine Minute später konnte ich mein frisch belegtes Schinkenkäsebaguette – die Verständigung hatte funktioniert – in der Sonne genießen und mich innerlich auf den nachfolgenden Streckenabschnitt einstellen: Das Tal der Tränen. 22 km und eine Höhendifferenz von 1500 m, das sind die nackten Zahlen, die den Charakter dieser Landschaft aber nicht wirklich abbilden. Die Straße verläuft hier spektakulär und verschlungen durch tief eingeschnittene Canyons. Bei dem Anblick könnten man sich leicht in den Staaten wähnen. Immer wieder eingestreute Zwischenabfahrten verringern den bereits erzielten Höhengewinn. Dreimal passiert man eine Serie aus eng geführten Serpentinen, die auf die nächst höhere Ebene des Canyons und zum nächsten Stausee führen, die hier wie an einer Perlenschnur aufgereiht die Strecke zieren und diesem Tal seinen Namen geben. Klettert man die ersten zwei Serpentinenpakete noch mit frohem Mut und Freude – die Steigung lässt es hier zu – und erfreut sich an der schillernd spiegelnden Sonne im Stausee, so erblasst man beim Anblick der nächsten Kehren und die Stauseen werden wahrlich zu den Tränen im eigenen Auge.

 

Im ersten Moment dachte ich die Straße führt geradeaus durch einen Tunnel. Doch mein Garmin belehrte mich eines Besseren – nach rechts sollte es gehen. „Oha“ entglitt es mir leise, als mein Blick den scharfen Windungen im Felsen immer höher und höher hinauf folgte. Bis zu 20% hatte ich irgendwo gelesen, aber zwischen lesen, sehen und fühlen ist doch ein Unterschied, wie ich nun lernen sollte. Gleichzeitig war der Moment gekommen, indem ich meine Übersetzung (52/36, 11-27) endgültig verteufeln sollte. Wollte ich nicht im Hang stehen bleiben, musste die Kadenz zumindest bei 40 rpm stehen bleiben, das entsprach hier leider Leistungswerten jenseits der 400W, wie mir mein Garmin freundlich mitteilte und das minutenlang. Wer schon mal mehrere Minuten oberhalb der Laktatschwelle gefahren ist, weiß was das bedeutet – keuchende, schwere Atmung, brennende Muskeln und Anflüge von Übelkeit, gepaart mit Schwindel – warum bin ich nochmal hier? Ahja, für den Moment wenn alles nachlässt, der Blick ins Tal fällt und der Körper mit Dopamin überschüttet wird. Doch dieser Moment war noch fern und der Wunsch endlich anzuhalten und zu schieben wurde immer größer. Doch Nein! Diese Schmach wäre unerträglich. Stattdessen entschied ich mich am Ende der nächsten Serpentinen das Szenario für die Nachwelt und euch – wie solltet ihr es euch sonst ausmalen können! – festzuhalten. Noch einmal tief ausgeatmet konnte der Fight in die nächste Runde gehen.

 

Nach diesem Kraftakt könnte man meinen das Schlimmste sei überstanden – so dachte ich auch, aber mitnichten! Nach kurzer Abfahrt nach El Carrizal, wartet am Ortsausgang – die Straße führt hier scharf nach rechts – der nächste Hammer. In zwei verwundenen, scharf geschwungenen Serpentinen geht es mit zweistelligen Steigungsprozenten ins nächste Kletterstück. Auf der anschließenden Geraden fällt die Steigung nicht unter 15%. Zu meinem oder besser unserem gemeinsamen Unglück fuhr ich hier auf zwei weitere Rennradler auf. Es passierte was passieren musste: Der Wetteifer begann. Einer meiner neuen Wegbegleiter musste früh reißen lassen. Der Andere erwies sich in der Folge noch als harter Gegner. Ich setzte zunächst auf Wattüberlegenheit und intelligentes Fahren und hielt meine Leistung brav im grünen Bereich. Als mein Kontrahent explosiv anzog, blieb ich ruhig und dachte mir still: „Wenn du das hältst: Chapeau!“ Eine Kurve weiter hatte ich ihn wieder eingeholt, zog vorbei und klopfte mir innerlich auf die Schulter. Diese Disziplin war aber nicht von Dauer. Als er den nächsten Versuch startete, klemmte ich mich an sein Hinterrad und dachte mir: „Na das wollen wir doch mal sehen“, denn ich wähnte die Kuppe des Anstiegs vor uns. Als es nur noch wenige 100 m waren, zog ich an – 700W und mehr konnte ich aus dem Augenwinkel sehen. Er hinterdrein. Der Sieg war nah, als ich vor ihm auf die letzte Kurve zur Spitze des Anstiegs bog. Wir wurden beide überrascht, denn das Ende der Kletterpartie war noch in weiter Ferne und wir am Ende. Gleichzeitig lachten wir – sofern die wenige Luft die dazu blieb reichte – drauf los und grinsten uns an. Die nächsten hundert Meter waren der schmerzhafte Tribut für diese allzu verständliche, doch sinnlose Aktion.

 

Doch irgendwann nimmt jede Steigung ihr Ende und der Anblick, der sich nun bot – hier, nahe dem Roque Palmés, in El Toscón – war alle Mühe wert. Ich blickte ich zurück auf das Tal der Tränen, dahinterliegend die Küstenlinie von San Nicolás und in weiter Ferne stach der gewaltige Teide aus einem Wolkenmeer auf der Nachbarinsel Teneriffa hervor. Er sollte für den Rest der Tour ein steter Begleiter am endlos blauen Horizont bleiben. Ein letztes mal saugte ich diese Kulisse auf, ehe ich mich auf die Abfahrt nach Tejeda begab.

 

Tejeda und Pico de las Nieves

Tejeda, eines der schönsten Dörfer Spaniens - so wirbt es von sich selbst. Da ich bislang nur wenige spanische Dörfer kenne, erlaube ich mir hier kein abschließendes Urteil. In jedem Fall ist es aber ein, am Hang gelegenes, idyllisches Fleckchen Erde, dass die Seele zur Ruhe kommen lässt, wenn man in der Sonnen sitzend, umringt von all den weißen, so typischen Häusern, seinen Kaffee trinken und dabei ein herrliches Stück Apfelkuchen mit Karamelsauce essen kann. Gern hätte ich hier meine Tour beendet und der Sonne beim Niedergehen zugeschaut. Und zurecht! Standen doch schon 106 km und 3697 hm auf der Uhr. Aber nicht heute! Heute wollte ich aufs Ganze gehen. Das nächste Ziel: Der Pico de las Nieves mit Zwischenstopp am Cruz de Tejeda.

 

Der Gruß an meine Beine kam schnell. Eine lange Gerade mit einer durchschnittlichen Steigung von 12% wartete am Ortsausgang auf mich. Ein letztes mal kurbelte ich mich Höhenmeter um Höhenmeter nach oben. Die tiefer stehende Sonne warf indessen lange Schatten durch die vereinzelt stehenden Bäume, die einen weiten Blick in die Ferne auf das Meer und den tiefblauen Horizont erlaubten. Und immer wieder blieb mein Blick am Teide haften. Unter diesen Bedingungen gelang mir der weitere Aufstieg zum Pico nahezu mühelos. Kein Nebel hing dieses mal in den Kiefernwäldern oder umzog die Bergkuppe. Der Blick in alle Richtungen war frei. Ein magischer Moment. Ich fühlte mich wie auf dem Dach der Welt und atmete tief die frische Abendluft ein. Elektrisiert durch den Moment und wissend, dass ich alle Torturen dieser Tour überstanden hatte, hob ich von Freude übermannt mein Fahrrad in den Himmel. Eine unfassbare Tour!

 

Es fiel mir unglaublich schwer, mich wieder von der Szenerie loszureißen. Ein letzter Blick auf den Teide und dann ging es schließlich mit ein paar kräftigen Pedaltritten in die rasante Abfahrt zurück zum Ausgangspunkt. Ich erreichte Maspalomas mit den letzten Sonnenstrahlen dieser hier so warmen Februarsonne. Das breite Grinsen, dass ich seit dem Pico auf dem Gesicht hatte – oder zumindest im Herzen trug – verließ mich den ganzen Abend über nicht mehr und es kommt von Zeit zu Zeit wieder, z.B. jetzt gerade, wo ich diese Zeilen schreibe …

 

Fazit:

Unterm Strich stehen am Ende 40 h und 29 min reine Trainingszeit verteilt auf 869 km mit teils qualvollen und doch unvergesslichen 18 944 hm. Letztere Zahl spricht Bände über die Topographie der Insel. Wer das Klettern liebt, ist hier genau richtig und wer es nicht mag, sollte trotzdem kommen – die sich bietenden Panoramen trösten über alle Qualen hinweg! Ich jedenfalls werde die Eindrücke dieses Trainingslagers noch lange im Herzen tragen und immer wieder gern schmunzelnd ans Tal der Tränen, den Pico in der Abenddämmerung und das endlose Blau von Meer und Himmel mit dem Teide im Hintergrund zurückdenken. Doch nun richtet sich der Blick nach vorn. Die ersten Rennen der noch jungen Saison rücken näher. Es sind nur noch wenige Wochen bis zur Tour d'Energie in Göttingen und die Spannung wächst. Wie gut vorbereitet ist radroo? Wie schlagen sich die 'alten Hasen' und Neuzugänge gemeinsam durch das Peloton? Doch eins ist mir jetzt schon klar, der Hohe Hagen schockt mich, in puncto Steigung und Länge, dieses Jahr gewiss nicht.