650km von München nach Ferrara- Rando Imperator


VERNA KÖNIG  >>nach brutto 38,5h am Ziel<<
VERNA KÖNIG >>nach brutto 38,5h am Ziel<<

Freitag Abend, Feierabend und schnell noch die Startunterlagen sichern. Es wird ernst. Um 4.30 Uhr morgens geht der Startschuss. Das nächste Brevet steht an, dieses Mal 650km. Zuhause muss noch alles hergerichtet werden. Nachdem ich aber vorhabe, alles ohne Schlaf durchzufahren, beschränke ich mich auf das nötigste. Und die Rettungsdecke ist als Notanker sowieso am Start.

 

Nach 4,5h Schlaf klingelt nun der Wecker. Anziehen, Zähneputzen, ein Kaffee und los geht das Abenteuer. Ich habe nicht weit zum Start. Die ganze Stadt schläft, nur insgesamt vielleicht 200 verrückte Radfahrer, mit Warnwesten und Lichtern ausgestattet warten darauf, endlich losgelassen zu werden. Von den letzten Infos bekommt man nicht allzu viel mit, außer das herabzählen, 3 - 2 - 1 - GO!!

 

Ich hatte mich schon recht weit vorne eingereiht. Erfahrungsgemäß sind die ersten immer recht flott unterwegs. Die ersten gut 15km sind bis auf wenige Ausnahmen Schotter und da ich das Corratec CCT Team Rad gewählt habe, bin ich teils sehr waghalsig der Gruppe hinterher. Diejenigen, die das Gravelbike gewählt hatten waren allerdings eindeutig im Vorteil. Letztenendes musste ich dann auf einer Abfahrt abreißen lassen, bei der ich mit meinen 25mm Straßenreifen und um die 50km/h schon sehr am Limit war. Aber der Großteil der Starter war sowieso noch hinter mir, da brauche ich mir keine Sorgen machen, noch die ein oder andere Gruppe zu finden.

 

So habe ich ab Wolfratshausen, ca 30km nach dem Start, drei Italiener gefunden, an die ich mich bis zur ersten Kontrolle in Garmisch Partenkirchen hängen konnte. Die letzten dorthin Kilometer fielen mir allerdings schon sehr schwer. Hatte schon leichte Zweifel, da das etwas früh kommt. Wie sich herausstellte, drückte aber die Lenkertasche auf die Bremse. Das erklärt auch, warum es bestimmt 20-30km so schwer zu treten war.

 

Ab Garmisch habe ich die nächsten 100km alleine in Angriff genommen. Den Fernpass habe ich entgegen dem Track, der über Schotterwege verläuft, auf der Straße erklommen. Rollt einfach wesentlich leichter, vor allem bergab. Bis zur Norbertshöhe zieht dann auch das Wetter an. Endlich können alle Westen, Arm- und Beinlinge abgelegt werden. Oben angekommen treffe ich auf Mike und Ralf, die mich bis zum Ende begleiten werden. Am Reschenpass sind nun nicht nur über 200km geschafft, sondern auch der Großteil der Höhenmeter und Schotterkilometer geschafft. Und das beste - es gibt den ersten italienischen Kaffee und Pizza zur Stärkung.

 

Ab jetzt geht es erstmal bis Meran merklich bergab. Es rollt und macht NOCH höllisch Spaß. Aber, der erste Plattfuß hat uns erwischt, der allerdings schnell behoben ist. Wer schon einmal die Via Claudia Augusta geradelt ist, der weiß, dass es ab Meran nicht mehr sehr aufregend ist. Der Fahrradweg geht meist entlang der Etsch immer geradeaus, kilometerlang und ohne Ende in Sicht. Nur die nächste Stempelstelle in Bozen durchbricht den Fluss nach knapp 350km. 3km vorher erwischt es mich noch mit einem Platten. Ärgerlich, zumal es nur ein kleiner Draht ist, der kaum zu entfernen war.

 

Die erste Hälfte ist geschafft und die nächste Nacht steht bevor. Noch eben die Radhose wechseln, Licht montieren und warme Kleidung überziehen. Los gehts zu dritt, rein in die Nacht. Circa 2h schaffen wir, da fallen dem ersten von uns fast die Augen zu. Powernapp ist angesagt auf der Terrasse eines Neubaus. Nachdem ich dann nach 20min schon zum Zittern anfange heißt es weiterstrampeln. Während dieser Pause hat sich mein Kreislauf aber leider so heruntergefahren, dass mir nun kurze Zeit später die Augen zufallen. So haben wir uns bei Trento nochmal eine ‚Schlafstätte‘ gesucht. Ralf hat mir sogar seinen Biwaksack geliehen. In den zwei Stunden habe ich effektiv vielleicht eine Stunde geschlafen. Das muss reichen.

 

Ab jetzt läuft es eigentlich sehr gut. Wir holen uns den dritten Stempel, dort steht auch schon Frühstück für alle Fahrer bereit. Die Sonne glüht schon vor, die warmen Sachen werden wieder weggepackt. Am südlichen Ende des Gardasees gönnen wir uns dann doch ein Eis bevor wir uns auf den Weg Richtung Po-Ebene machen. Der Asphalt wird ab jetzt nicht besser und der Radweg immer voller. Es holpert und rumpelt, statt stupide treten zu können müssen wir Schlangenlinie um die ganzen Ausflügler und Touristen fahren, was nach 500km und 1h Schlaf echt eine Herausforderung ist. Und zur Freude Aller, verabschiedet sich bei meinem Hinterrad nochmal die Luft.

 

In Mantova wartet der sechste Stempel auf. Auf einmal schießt bei mir ein stechender Schmerz im Sattelbereich in mich. Ich befürchte das Schlimmste, rette mich bei km 540 zum nächsten Stopp, wo ich Klarheit bekomme. Die oberste Hautschicht hatte sich verabschiedet und uns stehen noch 100km bevor. Ich bin kurz vor der Aufgabe. Weit und breit keine Apotheke, die an einem Sonntag hier Notdienst hätte. Mein Glück ist ein Altersheim direkt neben der Pausenstelle. Dort hat mir eine sehr nette Krankenschwester geholfen. Dank ihr und meiner mageren Reiseapotheke, konnte ich mich wenigstens wieder einigermaßen dem Sattel nähern. Auch die Gruppe, auf die wir drei aufgesprungen sind, hat ihr Übriges getan, dass ich keine Möglichkeit hatte, über den Schmerz nachzudenken. Die nächsten 50km sind wir mit im Mittel 33-35km/h über die Schlaglöcher geflogen.

 

Die letzte Stempelstelle vor Ferrara erreichen wir ca. 15km nach der erwarteten Stelle. Mental nicht gerade einfach zu diesem Zeitpunkt. Das gute ist, das Ziel ist zum Greifen immer näher. Nur noch maximal 1,5h und was ich zwischenzeitlich nicht mehr geglaubt habe ist geschafft. Wir biegen ab auf den Schlossplatz. Der letzte Stempel kommt auf die Karte und wir sind nach brutto 38,5h am Ziel.